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»GOTTES KLEINER KRIEGER«: WIR LESEN!

Die Inszenierung »Gottes kleiner Krieger« hat zwar erst am 18. Mai 2013 Premiere, aber wir bereiten uns jetzt schon darauf vor. Und wie könnte man sich besser auf etwas vorbereiten, als ganz von vorne anzufangen, am Ursprung des Ganzen? Genau, wir lesen! Denn »Gottes kleiner Krieger« basiert auf dem gleichnamigen Roman von Kiran Nagarkar und der ist stolze 704 Seiten dick und da muss man ja wirklich früh anfangen um rechtzeitig fertig zu sein. [mehr]

Kula-5977 Foto_Luca Abbiento

Nach »Kula – nach Europa« – eine Probe aufs Exempel von Robert Schuster

Das transnationale Theaterprojekt »Kula – Nach Europa« hat Regisseur Robert Schuster am DNT Weimar in Koproduktion mit dem Theater Freiburg im Sommer 2016 realisiert. Seitdem war es auf Tour durch mehrere europäische Theater. Seinen Abschluss findet das Projekt in Freiburg: Am 10., 11. und 13.12. zeigen wir »Kula – Nach Europa« jeweils um 20 Uhr im Kleinen Haus.

Aus Frankreich, Belgien, der Schweiz, Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Afghanistan wollten Künstlerinnen und Künstler in Weimar zusammenkommen und sich der Mühe unterziehen, miteinander und später mit den Zuschauerinnen und Zuschauern aus drei europäischen Ländern ins Spiel zu kommen.

Es war ein Wunsch, wurde Arbeit und schuf Spiele: In ihr, ihm und ihnen schien die Sehnsucht nach einer europäischen Companie auf. Auch, oder vielleicht gerade weil die sich in den letzten anderthalb Jahren dramatisch verändernde politische Situation in Europa dazu geführt hatte, dass die zu diesem Fest eingeladenen afghanischen Künstlerinnen und Künstler nicht einreisen durften. Diese Arbeit zeigte, dass das Problem noch viel größer ist, als man durch diesen Akt symbolischer Politik denken könnte. Es geht tiefer, weil es uns alle betrifft. Um ein solches Projekt zu realisieren, müssen sehr viele Gespräche geführt, Bedingungen organisiert, Regeln verabredet und Spiele initiiert werden.
Der Umfang der gemeinsamen Herausforderungen, vor denen wir standen, hatte ein Ausmaß, welches unsere eigenen und auch die Widersprüche dieser unsicheren Union immer klarer zur Anschauung brachte.
Bei dieser Grenzüberschreitung will man nicht miteinander in Konflikte geraten, will man nicht etwas repräsentieren, was man so nicht meinte. Aber alle spürten, dass durch das gemeinsame Tun die gemeinsamen Fragen immer komplexer werden, wofür es noch keine gemeinsame Sprache gab. Die tägliche Gefahr ist Rückzug, der mögliche Erfolg ist der Respekt, aber ersehnt wird eigentlich ein gemeinsames Handeln. Die künstlerische Form entsprang aus der Grundsituation dieser, unserer ersten Begegnung.
Es sollte ein Fest sein, dass aber verhindert wurde. Auf beiden Seiten der Zugbrücke warteten nun Menschen. Nur die in der Festung stellten fest, dass sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Sie suchten das Maß miteinander in der Polyphonie und stolperten in der Probe über die Polylingualität. Das Bemühen um Verständigung im Inneren hat in diesem Zusammenhang eine ganz einfache Bedeutung. Auf welcher Ebene auch immer war es die ganz einfache Frage, wer kann ihr verständlich machen, oder jetzt bei wem anrufen, um ihm zu erklären was sie oder er von ihm oder ihr möchte. Ein französischer Vertrag ist halt nicht nur in einer anderen Sprache verfasst, sondern basiert auf einer anderen Geschichte sozialer Kämpfe. Ein deutscher Tech-Rider erbittet, selbst wenn er in Englisch übersetzt ist, Antworten auf Fragen, die so in anderen europäischen Ländern nicht gestellt werden.

Oft sah man den Stolz in den Augen des Sprechenden, der die Grenzen seiner eigenen Sprachräume erweitert hat. Aber dieser Stolz macht auch oft blind, blind für den Dritten, der wieder den Mut aufbringen muss zu sagen, da bin ich noch nicht. Das habe ich nicht verstanden. Diese Ängste abzubauen ist vermutlich für das europäische Fortkommen mindestens genauso wichtig und genauso schwer wie die Angst vor Einflüssen und Gefahren von außen.

Platon spricht davon, dass eine Handlung nur zur Wirklichkeit kommt vor dem Zeugen. Der eigentlich performative Sprechakt ist ein gemeinschaftsstiftender. Die Handlung besteht darin, die Sprache nicht dazu zu benutzen, dass ein Dritter sieht, wie sich zwei verstehen. Aus stummen Zeugen handelnde Citoyens zu machen, wäre der kulturelle Auftrag, wenn man Europa will. Das Einer Eine versteht ist wichtiger, als die noch verfeinertere Ausdifferenzierung der eigenen Meinung. Oder anders gesagt: Dass keiner zurückbleibt, ist politisch entscheidender als das Vorankommen einer Avantgarde…

Die tägliche Bedrohung ist die innere oder äußere Emigration aus der Union. Die Erfahrung, die wir dabei sammeln konnten, brachte uns immer wieder an den Punkt, dass die zentrale Herausforderung, vor der Europa derzeit steht, die unterschiedlichen Sprachen sind. Das Bild des deutschen Philosophen Martin Heidegger von der Sprache als das Haus des Seins, stellt uns im Verhältnis zu dem vielbeschworenen Sprachbild vom La Maison d’Europe vor eine mehr als nur ästhetische Herausforderung.

Das Andere ist das, was ich nicht verstehe, was aber Ahnungen, Neugier und mitunter Ängste produziert. Aber auch wenn ich mich sicher fühle, trete ich die Flucht nach innen an. Wenn ich Menschen in einer mir fremden Sprache sich unterhalten sehe, dann erlebe ich, dass Kommunikation stattfindet, ein Handeln, ja, aber das mich in die Rolle des Zuhörers zwingt, mich exkommuniziert.

Eine Zuschauerin fragt, ob die letzten Gedanken des im Anschluss an die Vorstellung stattfindenden Publikumsgespräches übersetzt werden könnten. In der Hitze der politischen Debatte waren die letzten Dialoge ausschließlich in nur einer Sprache geführt worden. Also nahmen wir die Geschwindigkeit wieder heraus, indem wir uns die Zeit nahmen, allen alles zu übersetzen. Und doch werden die sich ergebenden Fragen wieder und wieder schneller. Eine halbe Stunde später schaue ich wieder zu der Zuschauerin, die um Übersetzung gebeten hatte und stelle mit Bedauern fest, dass wir sie verloren hatten. Sie war gegangen. Zwei Erfahrungen, die unsere Arbeit von Beginn an durchziehen. Die Inspiration durch den Anderen und die Mühe und Traurigkeit aus dem Kreise der sich wechselseitig Inspirierenden immer wieder herauszurutschen. Und auch der Versuch, sich auf eine Sprache zu einigen, die wir alle gleichermaßen oberflächlich benutzen, verkleinerte nur den Raum der Begegnungen und löste das Gefühl der Vereinsamung nicht auf. Mir fällt der Begriff des Europas der zwei Geschwindigkeiten ein. Verständigung und damit ein sozialer Handlungszusammenhang beginnt in dem Augenblick, wo die Sprechenden beginnen zu sehen, wer mit ihnen im Raum ist.

Warum sprechen nicht alle Englisch? Die sprachliche Kompetenz eines einheitlichen Englisch wird inzwischen von jedem Player auf dem europäischen Arbeitsmarkt verlangt. In erster Linie, weil eben nicht alle Englisch sprechen. »Sprache, die für Dich dichtet und denkt« hat der jüdische Philologe Viktor Klemperer im Untergrund formuliert. Kann man in diesem Wirtschaftsraum nur nach den Dispositiven von Trades und Tweets agieren und verengen sich dabei auch die Räume unserer sozialen Phantasie? Der immense Wortschatz der englischen Sprache stellt eine der ganz großen Schatzkammern dieses Kontinentes dar, die ja schon für eine ganze Neue Welt gereicht hat. Aber selbst wenn wir in einem Europa der Zukunft irgendwann Englisch sprechen, bleibt die Frage, was wir mit den anderen Häusern machen würden. Und so kommen wir an den dialektischen Kristallisationspunkt der Frage nach Europa. Das Eine oder die Vielheit? Jeder geneigte Leser wird vermutlich jetzt Vielheit mit Reichtum gleichsetzen. Aber die Frage ist schärfer zu stellen. Was wird größer gewesen sein, der Auftrieb dieser europäischen Vision oder die Gravitationskraft der Sprachen?
Die Anderssprachigkeit ist die unabweisbare Realität, dass im Anderen andere soziale und kulturelle Wirklichkeiten existieren. Sie ist aber auch der in Bewegung setzende Anstoß für die Entwicklung der eigenen Phantasie, die ohne das Andere ein farbloses Spiegelbild bliebe, außer Stande, Zukunft zu denken.
Aber das freie Spiel der sprachlichen Kräfte entfaltet nur dann eine Dynamik, die Vitalität und Zusammenhalt generiert, wenn wir viel größere zivilgesellschaftliche Aktivitäten entwickeln, um Menschen unterschiedlicher Zunge miteinander in Arbeit zu verwickeln.

Die Entwicklung der Produktivkräfte im Zuge der Globalisierung bedarf einer Produktionsweise, die Verständigung voraussetzt. Der Ruf nach Freihandelszonen bekommt unter diesem Blickwinkel aber eine gänzlich neue Bedeutung. Wir haben schon zu lange der vermeintlich zu Grabe getragenen Geschichte Kränze gewunden. Und müssen feststellen, das ihr Grab leer ist. Weltweit agiert sie und welche Affäre sie mit der Globalisierung eingeht, wird nicht nur von uns bestimmt. Aber wir müssen uns wieder ins Handeln bringen.
Gegen die Schwärme digitaler Meinungstweeds nehmen sich die politischen Repräsentanten der Völker nur noch wie die flüchtenden Komparsen aus Hitchcocks Vögeln aus. Wer den Anschluss zu seinen Wählern nicht verlieren will, scheint dazu verurteilt, den historischen Prozess der europäischen Einigung in Frage zu stellen und die nationale Standarte hoch halten zu müssen oder mit den wirtschaftlichen Profiteuren der Globalisierung in Geheimverhandlungen zu treten.
Europa hat das Problem, wie sie die Demokratien ihrer Mitgliedsländer aufheben kann. Und die europäischen Demokratien haben derzeit das Problem, diesen Versuch des Aufhebens nur auf der ersten Ebene des deutschen Wortes »aufheben« zu erfahren, als »außer Kraft« setzen. Und wirklich ist die derzeit nicht beantwortete Frage, ob es möglich sein wird, in der Mehrsprachigkeit und der Beschleunigung der digitalen Medien die Geduld aufzubringen, die zweite und dritte Bedeutung dieses Wortes mit der ersten zu verbinden. »Das Am-Boden-Liegende« aufzuheben, um es »für die Zukunft« aufzuheben und so die »einengenden Schranken« ihrer ursprünglichen Grenzen aufzuheben.

Wenn es uns nicht gelingt, eine europäische Kultur zu ermöglichen, die ihre mehrsprachige res publica zu Zuschauerinnen und Zuschauern macht, die nach und nach den Saal verlassen, weil sie sich nicht als Teil von ihr erfahren, wird der Gedanken der Demokratie den gedanklichen Raum des Nationalstaates nicht verlassen können. Mit diesem Aufgeben würde die Vision verkauft werden aus dem Handelsplatz globalisierter Wirtschaftsinteressen, eine Agora mehrsprachiger Citoyens werden zu lassen. Und Europa bliebe der Name eines Halbkontinents und nicht die Idee einer Freiheit, die ihre Einheit nicht über den äußeren Feind definiert. Noch mehr als durch die Idee der Gleichheit wird sie durch die Realität der ungleichen Sprachen herausgefordert. Das eigene Schneckenhaus im Alltag der Demokratie wieder und wieder zu verlassen, um der Idee der Freiheit mit den Anderen, in ihrer Sprache, eine gemeinsame Form zu geben »worin« – wie Hegel in seinen Vorlesung zur Geschichte schreibt – »das Subjekt sich tätig weiß; denn die Forderung der Freiheit ist, daß das Subjekt sich darin wisse und das Seinige dabei tue, denn sein ist das Interesse, daß die Sache werde.«

 

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