Selten rauschfreie Nächte

Dem Freiburger Publikum haben wir Finn-Ole Heinrich bislang vor allem mit seinen Kinder- und Jugendbüchern (»Frerk, du Zwerg«, »Maulina Schmitt«) vorgestellt. Daher ist es dringend an der Zeit, sich intensiv der anderen Seite des Hamburger Autors zu widmen. Zum Einstieg seien hier seine Kurzgeschichtenbände »die taschen voll wasser«, »Gestern war auch schon ein Tag« sowie sein Debütroman »Räuberhände« aus dem Jahr 2007 zur Lektüre empfohlen.

Oder aber: Der Besuch der Performance »Marta«, die am 4. Juni 2016 um 22 Uhr Premiere im Werkraum haben wird. »Marta« ist ein Abend zwischen inszenierter Lesung und Konzert, der eine Erzählung von Heinrich mit Heinrich als Rezitator / Performer auf die Bühne bringen wird.

Mit von der Partie ist der Musiker Hannes Wittmer, der auch als Spaceman Spiff und A Tin Man bekannt ist und dessen letztes Album den Titel »Endlich nichts« trug. Am Muttertag haben die Proben für »Marta« begonnen (Einrichtung und Dramaturgie: Benedikt Grubel, Michael Kaiser). Jetzt folgt eine Pause, bevor Ende Mai Phase II beginnt und direkt die Endproben anstehen. Die Probenbilder auf dieser Seite entstanden am 14. Mai, noch ohne Kostüm und im Probenaufbau mit markiertem Bühnenbild (Fotos: Michael Kaiser, Ausstattung: Frederik Schweizer).

»Was wolltest du mit mir, Marta?
Warum ich?
Wer war ich denn?« (aus: »Marta«)

Kennengelernt haben sich Heinrich und Wittmer vor einigen Jahren im Literaturhaus Kiel. Dort wurde ein Format veranstaltet, bei dem zwei Autoren lasen und ein Musiker spielte. Heinrich war einer der Autoren und Wittmer der Musiker, beide hatten sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennengelernt. Nach der Veranstaltung wurde aufgelegt, es waren jedoch nur noch fünf, sechs Leute im Saal. Wie es genau dazu kam, können die beiden heute nicht mehr sagen, aber Autor und Musiker haben irgendwann wie die Wilden getanzt.

Die beiden verstanden sich auf Anhieb und sind »zu jedem Trash-Song abgegangen wie die Blöden«. Am Ende verpasste Wittmer vor lauter Dance Move-Präsentation seinen Zug. Er nächtigte kurzerhand bei Heinrich und seinem Verleger auf einer ebenfalls kurzerhand geklauten Matratze im Hotelzimmer. Als Heinrich am nächsten Morgen für den Musiker auch noch ein Lachsbrötchen vom Frühstücksbuffet klaubte, »war es irgendwie um uns geschehen« (Wittmer).

Die folgende Zusammenarbeit in Form des Albums »Du drehst den Kopf ich dreh den Kopf« kam vor allem deshalb zustande, weil sich die beiden menschlich so gut verstanden. Heinrich hatte im Literaturhaus Kiel nicht mal einen Song von Spaceman Spiff gehört: Als er gespielt hatte, war Heinrich nämlich gerade nicht im Saal, da er im Backstage-Bereich ein Interview gab.

»Ich passe doch gar nicht zu dir, Marta, ich funktioniere, esse Müsli und Gemüse, ich achte auf meinen Körper, gehe zum Arzt, gieße meine Pflanzen, bügele meine Hosen, lese Zeitung, höre Radio, kaufe Tickets im Bus und der Bahn, ich werde nervös, wenn Gäste in meiner Küche meine Ordnung stören.«

»Ich liebte Marta, obwohl das Wahnsinn war. Denn Marta würde sterben.«

»Marta« erzählt die Geschichte von Paul, der kurz vor der Abgabe seiner Diplomarbeit steht, als er eines Morgens in der Bahn eine Fremde aufgabelt, die zwischen zwei Sitzen am Boden kauert und schläft. Er nimmt die junge Frau kurzerhand mit zu sich und lässt sich von ihr nach und nach in ihre Welt ziehen – hinüber in ein Leben voller Exzesse, das jeden Tag mit sieben Stücken Pflaumenkuchen und Red Bull beginnt und dessen Nächte selten rauschfrei sind. Marta ist schwer krank. Sie richtet sich selbst und ihren Körper systematisch zugrunde. Und Paul weiß, dass diese Begegnung sein Leben nachhaltig erschüttern wird …

Marta
Performance mit Finn-Ole Heinrich und Hannes Wittmer (Spaceman Spiff)
Szenische Einrichtung & Dramaturgie: Benedikt Grubel, Michael Kaiser / Komposition & Live-Musik: Hannes Wittmer / Ausstattung: Frederik Schweizer / Mit: Finn-Ole Heinrich, Hannes Wittmer / Dank an: YOUTH LIFE – youthlife.de
Latenight-Performances: Sa. 4.6. / Sa. 18.6. / Sa. 9.7.16, jeweils 22 Uhr
Vorstellungen zum Tagesschau-Beginn: Fr. 17.6. & Fr. 8.7.16, jeweils 20 Uhr, Werkraum (Zugang über Theatercafé)
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