Das Karlsson-Prinzip

Am 18. Februar 2017 setzt »Karlsson vom Dach« zur Landung im Werkraum an. Auf die Bühne gebracht werden die Abenteuer des weltbesten Streichemachers von Gesa Bering, Benedikt Grubel, Michael Kaiser, Caroline Stauch und Jan Paul Werge.

Im Interview berichtet Michael Kaiser vom kollektiven Probenprozess, von Kinder-Dramaturgen und über Erstbegegnungen mit Lindgrens anarchischer Figur.

team_karlsson v. l. Gesa Bering, Benedikt Grubel, Michael Kaiser, Jan Paul Werge

Was reizt euch an den Geschichten rund um »Karlsson vom Dach«?

Karlsson versteht die Welt als ein Konstrukt, das auf von Menschen gemachten Regeln basiert und damit veränderbar ist. Er überschreibt die Wirklichkeit immer wieder mit seinen eigenen Vorstellungen davon, was ist – oder noch besser: was in seinen Augen unbedingt sein sollte. Das macht ihn außerordentlich sympathisch, da er unheimlich viel Fantasie besitzt, unendlich Spaß am Fabulieren hat und zunächst nichts als gegeben akzeptiert. Er macht sich die Welt also tatsächlich so, wie sie ihm gefällt.
Karlsson ist dabei wahrscheinlich die Figur aus der Feder Astrid Lindgrens, die dieses Motto am konsequentesten verfolgt – und dabei leider häufig seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellt. Er ist nicht selten maßlos und außer Kontrolle, was dazu führt, dass Lillebror andauernd seine liebe Not mit dem neuen Freund hat. Und immer dann, wenn Karlsson sich selbst als Dreh- und Angelpunkt der Welt inszeniert, mutiert der sympathische Sprudelluttflieger aus Stockholm zum egoistischen Dickkopf und neunmalklugen Besserwisser, der gerne einmal über das Ziel hinausschießt. Diese Ambivalenz als Ausgangspunkt einer Inszenierung ist überaus reizvoll!

Die Mitglieder des Regieteams stehen bei diesem Stück auch auf der Bühne. Wie inszeniert man, wenn man selbst spielt?

Kollektive Arbeitsweisen wie diese, bei der alle gleichermaßen Performer, Regisseure, Dramaturgen und Musiker sind und ihre Ideen einbringen, können sehr produktiv sein, wenn die Konstellation stimmt. Wichtig ist, dass der Blick von außen gewahrt bleibt. Wir arbeiten daher in dieser Produktion u. a. mit Kinder-Dramaturgen zusammen, die wir in der Konzeptionsphase intensiv befragt haben und im laufenden Entstehungsprozess immer wieder zu uns ins Theater einladen. Für uns ist es immens wichtig, regelmäßig Gäste auf den Proben zu haben, die uns Feedback geben. Neben erwachsenen »outside eyes« – sowie Kameraaufnahmen, die wir permanent auf den Proben machen – ist es vor allem dieses Kinder-Team, das uns nach den besuchten Proben spiegelt, was zu sehen ist; und in den Endproben kommt dann noch eine Schulklasse hinzu.

Wie haben eure Kinder-Dramaturgen Karlsson beschrieben?

Sehr unterschiedlich, das war extrem spannend für uns im Hinblick auf die Figurenanlage. Ich denke, der Blick auf Karlsson hängt maßgeblich davon ab, wie man ihm zuerst begegnet ist. In den Romanen von Lindgren werden die Figuren und ihre Beziehungen viel differenzierter gezeichnet als beispielsweise in der schwedischen Verfilmung von 1974. Ich selbst konnte als Kind nicht verstehen, weshalb Lillebror in diesem Streifen die Freundschaft zu dem fliegenden Kerl mit der Halbglatze gesucht hat. In den Büchern hingegen stellte sich diese Frage für mich nie. Bei deren Lektüre wünscht man sich auf jeden Fall einen Kumpan, der über den Dächern der Großstadt zuhause ist. Gar keine Frage.

Wie erzählt man »Karlsson« im Werkraum: Geht das überhaupt ohne die ganze Bühnentechnik, die ihr nur im Großen Haus hättet?

»Karlsson vom Dach« ist tatsächlich ein extrem oft gespieltes Kinderstück zur Weihnachtszeit an deutschen Bühnen. Zwischen November und Februar werden an diversen Theatern Häuserschluchten auf versenkbare Podien gebaut und Schauspieler im Fluggeschirr in den Bühnenturm gezogen. Ich selbst habe so eine Mammutinszenierung vor vielen Jahren an einem anderen Haus theaterpädagogisch begleitet.
Wir haben uns jedoch bewusst dafür entschieden, das Stück nicht als großes Illusionstheater auf der großen Bühne anzusetzen, sondern es im viel kleineren Werkraum zu realisieren, einem Ort, an dem wir keine Unterbühne, keinen Bühnenturm und keine Drehbühne haben. Das Fehlen dieser technischen Mittel haben wir als große Chance begriffen, die Geschichte anders zu erzählen – mit den Kindern ganz nah dran am Geschehen. Einer unserer Kerngedanken war: Wie sähe es wohl aus, würde Karlsson vom Dach höchstpersönlich die Geschichte von »Karlsson vom Dach« auf eine Bühne bringen? Auf welche Weise würde dieser Fantast das Geschehen auf der Bühne mit seiner Vision davon überschreiben, wie er Theater sieht?

Karlsson inszeniert »Karlsson« – wie kann man sich das vorstellen?

Das soll natürlich noch nicht im Detail verraten werden. Wir erzählen den Stoff auf jeden Fall nicht einem streng realistischen Spielprinzip folgend mit naturalistischem Bühnen- und Kostümbild. Unsere Idee ist, dass die Imagination viel Raum einnehmen darf – und sogar muss, wenn wir einer von Karlssons Grundprämissen folgen wollen: Wenn ich mir vorstellen kann, dass etwas so oder so ist, dann ist es auch so oder so.
Ein wichtiger Bestandteil unserer Inszenierung ist der Raum, denn auch er ist bei uns dem Karlsson-Prinzip verpflichtet. Wir haben die Bühnen- und Kostümbildnerin Caroline Stauch ins Team geholt, da sie eine großartige Fantasie mitbringt und viel Spaß am unkonventionellen Umgang mit Materialien hat. Das hat sie dem Freiburger Publikum u. a. vor zwei Jahren bei ihrer Ausstattung der Reihe »Schau ins Unsichtbare« gezeigt. Caroline hat in den letzten Wochen mit Unterstützung des Objektkünstlers Christian Mielert einen ganz eigenen Karlsson-Kosmos erschaffen, der aus den Dingen entstanden sein könnte, die man im, auf und neben seiner Behausung auf dem Dach finden würde.

Szenenbild aus »Schau ins Unsichtbare« mit Grubel und Bering, Spielzeit 2014/15

Welche Geschichten aus dem »Karlsson«-Fundus werdet ihr erzählen?

Wir verwenden die offizielle Theatertextfassung, die Ereignisse aus allen drei Bänden vereint. Diese Vorlage haben wir gekürzt, da das Stück sonst rund 2 ½ Stunden dauern würde. Wir wollen knackig in etwa der Hälfte der Zeit mit Karlsson um den Block düsen. Aber natürlich werden u. a. die berühmte Dampfmaschinen-Sequenz, verschiedene Schabernack-Episoden, die Begegnungen mit Fille, Rulle und dem überaus sympathischen Fräulein Bock zu sehen zu sein.

Was sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer mit nach Hause nehmen?

Die Frage bringt mich zum Anfang unseres Gesprächs zurück: Gesa, Caroline, Benedikt, Jan und ich haben auf den Proben viel Spaß daran, Fantasie als Motor der Inszenierung zu betrachten, Konventionen zu befragen und diese seltsame Erwachsenen-Welt, in der wir leben, als veränderbar zu begreifen. Daher hoffen wir doch sehr, dass sich diese Freude auch auf unser Publikum überträgt – und dass nicht wenige nach der Vorstellung erst einmal nach Hause eilen, um den Dachboden nach Dingen zu durchforsten, die man nach unserem Karlsson-Prinzip neu definieren könnte.

»Karlsson vom Dach« schabernackt sich für alle ab 8 Jahre ab 18. Februar durch den Spielplan. Am 6. Mai ist das Stück einmalig in einer Latenight-Vorstellung für Erwachsene zu sehen.
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