Reclaim the city!

Kurzer Eindruck vom ersten Themenwochenende Eurotopia: »Das Europa der Städte«

Die Debatte fing mit einer Frage an, die im Verlauf weiterer Gespräche immer wichtiger werden wird: Was hält jemand für eine gelungene Geschichte? Saskia Hebert stellt sie, die in dem von ihr mitherausgegebenen Zukunftsalmanach 17/18 der Stiftung »futurzwei« fünfzig Geschichten vom Gelingen gesammelt hat. Eine davon ist die Geschichte des Freiburger Mietshäusersyndikats. Gelungene Geschichten von städtischer Gemeinschaft, von für Selbstbestimmung zurückeroberten Räumen, oft sind es kleine Dimensionen. Das berühmte gallische Dorf gegenüber der großen Weltwahrheit. Die Geschichten müssen trotzdem erzählt werden, denn sie ergeben in der Summe eine Gegensystematik, eröffnen Handlungsspielräume. Die Stadt der Zukunft ist beides: die Utopie vom »Common ground« und die »Differenzmaschine«. Um die Frage, wie vielfältig die Stadt der Zukunft sein soll, kommt keiner mehr herum. Offenbar lässt sich das Narrativ einer städtischen Gemeinschaft leichter modifizieren, neu schreiben, als das Narrativ einer Nation. Und in dem Moment, wo das Narrativ Menschen miteinschließt, ändert sich auch die Atmosphäre, ändert sich das Klima in einer Stadt. Das können die eingeladenen Bürgermeister aus Mechelen und Thessaloniki eindrucksvoll und ganz praktisch beweisen. In Mechelen gibt es Sicherheitskräfte, die aus migrantischen Jugendlichen bestehen, oder Elternzirkel, die mit dafür sorgen, dass ein Stadtviertel nicht schon durch die Wahl der Schule vermieden und damit stigmatisiert wird. In Thessaloniki gibt es systematische Stadtspaziergänge für die Einwohner, weil man begonnen hat, die multikulturelle Vergangenheit der Stadt zu erzählen. Ihr müsst Euch neu erfinden, es gibt kein Geburtsrecht der Alteingesessenen, we are all migrants tot he future. Das sind die Botschaften, die umgesetzt werden in konkrete Erfahrungen. Woher kommt also die positive Energie, die mich dazu bringt, mich mit einem Ort zu identifizieren? Wo werden wir im Jahr 2050 stehen mit unseren Städten in Europa? Man kann das optimistisch und pessimistisch einschätzen. Saskia Sassen rief am zweiten Tag des Themenwochenendes leidenschaftlich dazu auf, die »gated communities« in Europa zu verhindern. In welchen Momenten werden wir wirklich zu urbanen Subjekten, die in einer städtischen Realität in der Lage sind, ausgegrenzte Identitäten im positiven Sinne zu hacken? Immer wieder ginge es darum, Räume zu teilen, gemeinsame Bereiche des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens zu schaffen.
In der Inszenierung »Eurotopia« kann man das Ringen um die Stadt der Zukunft in einzelnen statements besonders spüren: In Emre Koyuncuoglus Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Großeltern, die aus Thessaloniki fliehen mussten. Sie fragt: Kann ein gewaltsam beendetes kosmopolitisches Zusammenleben der Vergangenheit eine heilsame Wirkung auf die Zukunft haben? Und in Faustin Linyekulas statement, das am Schluss des Theaterabends »Eurotopia« ganz direkt die Frage stellt, welche koloniale Geschichte eigentlich in Freiburg zu Ende erzählt werden müsste?

Viola Hasselberg

 

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