Der Blick von außen? Das zweite Themenwochenende von EUROTOPIA

Ein Bericht von Jonas Görtz, Dramaturg

„Wenn wir Europa verstehen wollen, müssen wir es verlassen. Europa kann noch viel lernen.“

Das zweite Themenwochenende des internationalen Theaterprojektes EUROTOPIA widmete sich dem Blick von außen, ein Blick, der in seiner Definition und in seinen Möglichkeiten immer so interessant wie problematisch ist. In einem Dreischritt haben wir verschiedene Perspektiven konkretisiert: Der Kulturraum des Islam, das postkoloniale Afrika und der Osten Europas.

Über das Verhältnis zwischen „dem“ Islam und Europa wollten wir eigentlich mit dem französisch-marokkanischen Islamwissenschaftler Rachid Benzine sprechen, der in seinem Werk „Islam und Moderne“ nach einem neuen Verhältnis zwischen den beiden Ideenwelten sucht. Aufgrund seines kurzfristigen Ausfalls aus persönlichen Gründen haben wir stattdessen mit Dr. Fatma Sağır vom Orientalischen Seminar der Universität Freiburg diskutiert. Ihrem Impuls folgte eine Diskussion mit dem Publikum. Wichtig war Sağır zunächst festzustellen, dass das formulierte „und“ im Titel der Veranstaltung „Der Islam und Europa“ essentiell sei, und nicht durch ein „versus“ beispielsweise ersetzt werden dürfe. In genau dieser sprachlichen Feinheit liegt jedoch der Abgrund, der sich im Beschreiben des Verhältnisses von Islam und Moderne/Westen/Europa/Deutschland allzu oft auftue: Dass der Islam als Phänomen, Identitätsstifter oder Weltanschauung negativ besetzt wird, zum Feindbild stilisiert und damit auch nicht zur europäischen Gesellschaft gehöre, begegne einem noch viel zu häufig. Die Lösung liegt wie immer in der direkten Begegnung, wobei es Sağır als Kulturwissenschaftlerin wichtig war, festzuhalten, dass sie nicht als Vertreterin oder Apologetin des Islam sprechen könne oder wolle, sondern als Beobachterin und Wissenschaftlerin. Die anschließende Diskussion mit dem Publikum verlief so spannend wie kontrovers, und ließ Raum für tiefgehende und weiterführende Betrachtungen. Durch sind wir mit dem Thema damit sicherlich noch lange nicht.

Die sich anschließende Diskussion über das Verhältnis vom postkolonialen Afrika und Europa mit Eurotopia-Künstler Faustin Linyekula und dem Historiker und Geschichtsdidaktiker der PH Freiburg, Prof. Dr. Bernd Grewe, suchte die historischen wie gegenwärtigen Verhandlungen in diesem Verhältnis aufzufächern. Eine wirkliche Außenperspektive konnte und wollte der kongolesische Tänzer und Choreograf Linyekula nicht repräsentieren, so er doch genauso Teil von Europa sei wie jeder andere Europäer auch. Dies liegt nicht nur in seinen sehr regelmäßigen Aufenthalten in Paris und Lissabon begründet, wo ihn die künstlerische Arbeit in Europa jedes Jahr hinzieht. Vor allem die historischen Verbindungen der Kolonialgeschichte, die groteske Kontinuitäten in Mobutos Alleinherrschaft fanden, binden ihn untrennbar an Europa selbst. In der Diskussion mit dem Historiker Grewe stellte sich heraus, dass es neue Narrative und Blicke auf das geben muss, was wir heute europäische Geschichte und afrikanische Geschichte nennen. Grewes Position, dass die politische Debatte nicht von Identitätsfragen bestimmt werden dürfe, sondern sich stattdessen mit einer intelligenten Bildungspolitik befassen sollte, traf auf viel Zustimmung. Doch es bedürfe nicht europäischer Empathie, um die Herausforderungen auf dem afrikanischen Kontinent zu lösen, so Linyekula. Das könnten die Gesellschaften durchaus allein schaffen. Der Blick auf Europa zeige allzu oft eine neokoloniale Arroganz, die sich nicht selten in altruistische Gewänder hülle.

Am darauf folgenden Sonntag diskutierten wir mit der ukrainischen Theatermacherin Natalia Voroschbit und dem ukrainischen Schriftsteller Andrei Kurkow, die beide sehr interessante „Tagebücher“ geschrieben haben zur Situation am östlichen Rande Europas. Antwort auf die drängendste Frage, welche Rolle die Ukraine zwischen den Großmächten Europa einerseits und einem erstarkenden Russland andererseits spielen könne, wenn sie nicht ewige Pufferzone bleiben wolle, gaben beide resigniert: Es sei nur möglich, wenn Russland sich endlich konsequent demokratisieren würde, und das dauere noch sehr lange. In der Zwischenzeit gibt es aber für Literaten und Theatermacher durchaus Mittel und Wege, der Situation im bürgerkriegsgeschüttelten Land zu begegnen: Mit Recherchen, die in Form von Dokumentartheater die Perspektiven der Ukrainer aufbrechen und Begegnungen zwischen verfeindeten Parteien stiften können. Ein solcher Text sind die „Tagebücher des Maidan“ von Natalia Voroschbit, die wir am Theater Freiburg als szenische Lesung ab dem 16. März in der Kammer hörbar machen.

Jonas Görtz

 

 

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