SPIELEN ODER GESPIELT WERDEN

Ganz am Anfang seiner Karriere, vermutlich 1590/91, erfindet William Shakespeare (1564 – 1616) mit Henry VI. das Genre des »history play«. Die geschichtliche Lage, in der er Bilder vergangener Dynastien entwirft, ist vielschichtig: Einerseits wirken noch die Kräfte einer mittelalterlichen, aus heutiger Perspektive »barbarisch« oder »vor-staatlich« empfundenen Gesellschaft. Andererseits befindet sich das britische Inselreich im Aufbruch zu einer Seefahrerexistenz, die in ihrem Ergebnis, der industriellen Revolution, das Empire, den Welthandel und letztlich den Kapitalismus begründen wird. Politisch wird das Land von einer Woge nationaler Euphorie nach dem Sieg über die spanische Armada bewegt. Gleichzeitig liegt die Zukunft im Ungewissen, weil die kinderlose Königin Elisabeth keinen Thronfolger vorweisen kann. Eine Welt, die man zu kennen glaubt, wird erneut zur »terra incognita« (Carl Schmitt).
Cord Riechelmann hat zur Frage der andauernden Aktualität Shakespeares den Begriff der »Verflüssigung der Lebensverhältnisse« als Verbindung zwischen der damaligen Zeit und unserer heutigen Verfasstheit ins Spiel gebracht (DIE ZEIT, vom 17.4.2016). Für ihn liegt die ungebrochene Faszination und Wirkung Shakespeares darin begründet, dass die Zeit des Umbruchs (die seitdem anhält) in ihm einen Autor gefunden hat. Tatsächlich sind seine Helden Menschen, die von einer neuen Durchlässigkeit oder Komplexität (der Lage, ihrer eigenen Rolle oder Identität) überfordert sind und dieser Überforderung auf höchst unterschiedliche Weise begegnen. Shakespeare ist dabei Spezialist für Extreme. Während sich Romeo und Julia durch Liebe radikalisieren, ist in seinen teilweise mehrteiligen acht Königsdramen Macht der Treibstoff, der Menschen Grenzen überschreiten lässt: In Richard II., Henry IV., V., VI. und Richard III. ist Macht auch das Brennglas, durch das wir uns selbst im Breitleinwandformat erweiterter Möglichkeiten betrachten können.

Unter dem Titel »Schlachten!« (im flämischen Original Ten Oorlog, »Vom Krieg«) hat der Autor Tom Lanoye in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Luk Perceval Ende der 1990er Jahre aus Shakespeares Historien ein zusammenhängendes Stück in sechs Königreichen geschrieben: Er hat die zahlreichen King Richards, Henrys und Edwards der verfeindeten Fürstenhäuser Lancester und York zeitlich geordnet, das Riesenpersonal der Vorlagen reduziert und innerhalb der geschilderten Familienkriege, Generationskonflikte und Geschlechterkämpfe andere Akzente gesetzt. In einem Kunststück gleichzeitiger Konzentration und Entgrenzung hat Lanoye mit »Schlachten!« ein großes Theatergedicht über Macht und Selbstbehauptung geschrieben: eine Genealogie der Gewalt von Aufsteigern, die zu Abstürzlern werden. Ein Theaterabenteuer, das in einem Zug mit einem überschaubaren Ensemble spielbar ist, so dass jede neue Rolle die vergangenen mittransportiert.
Politik ist in den »Rosenkriegen« untrennbar mit Familien- und Beziehungsgeschichten verwoben. Konflikte entstehen dabei maßgeblich durch Ansprüche und Erwartungen, infrage gestellte Legitimierungen und persönliche Beschädigungen. Aus längst überwunden geglaubten Feindschaften erwachsen dabei neuer innenpolitischer Sprengstoff, neue außenpolitische Feldzüge und neue Gewalttäter. Lanoyes Könige sind allesamt Waisenkinder: Sie haben ihre Väter verloren, die der anderen ermordet, werden nicht geliebt oder sind es im metaphysischen Sinn. Zu monströsen Landesvätern macht ihre Karriere sie alle. Das Schlachten findet bei Lanoye – wie schon bei Shakespeare – durch Sprache statt: sie ist Ritual, Musik, Spiel, Maske oder Waffe, kann brechen und zerbrechen, ist Austragungsarena und Rückzugsort. Richard Deuxième, unfähiger Politiker von Gottes Gnaden und verschwenderischer Repräsentationsprofi, erreicht wahre Größe erst im Fallen, als er nur noch spielen kann, was er einmal war. Heinrich 4 ist ein Law-and-Order-Mann, der den eigenen Sohn erst anerkennt, als dieser (tödlich) gegen ihn rebelliert. Der Fünfte Heinrich wächst zwar über sich hinaus und erringt ein spektakuläres militärisches und heiratsstrategisches Happy-End. Es wird aber durch einen Terroranschlag nach kurzer Dauer in die Luft geblasen. Der überforderte Kinderkönig Heinrich VI. tritt politischen Einfluss und sogar den Stücktitel lieber an seine Ehefrau Margaretha di Napoli ab, als regieren zu müssen. Deren Zukunft wird mit dem Tod ihres Sohnes gekappt, sie selbst mit der Höchststrafe Leben belegt, als mit der Gang der York-Brüder eine neue Hochkultur der Brutalität mit einer hybriden deutsch-englischen Sprache aus Shakespeare-O-Tönen, Popzitaten und Underdog-Slang auf den Plan tritt. Diese Generation feiert mit Partykönig Eddy the King und geht mit Dirty Rich Modderfocker dem Dritten unter – dem hochmanipulativen Selbsthasser und finalen Killer-Poeten.
»Schlachten!« erzählt in einem großen Bogen von der Wiederkehr der Gewalt: von autoritär-repressiven Machttechniken bin hin zu den unsichtbaren Verführungsstrategien unserer Gegenwart. Ihr Großmeister, Rich, erobert seine Feinde durch Perspektivwechsel, rechnet seinen Opfern den eigenen Vorteil vor und wird so zum folgerichtigen König eines Reichs, in dem Konkurrenzkampf selbst im Leiden herrscht. Sein Weg ist ein ausgedehnter Amoklauf, mit dem er das Außen soweit reduziert, dass er zuletzt mit seinem Hass allein ist. Einziger Überlebender: das Feindbild. Während 400 Jahre nach Shakespeare von ihm inspirierte TV-Serien wie House of Cards oder Game of Thrones zur Unterhaltungskultur gehören, ist »Schlachten!« eine genuine Theaterserie über den hauchdünnen Firnis unserer Zivilisation, in dem sich neue Risse zeigen.

Jutta Wangemann

 

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