Georgische Woche: Brief 3

Georgien – Faszinierend musikalisch und geheimnisvoll schön

Foto: Christoph Schumacher

Für mich ist Georgien die Geschichte eines Geheimnisses – und die Geschichte einer grossen Liebe.

Geheimnisvoll wurde das Land für mich deshalb, weil sich in meinem Leben plötzlich ein Gedanke eingenistet hatte, dass dieses Land in meiner Zukunft eine wichtige Rolle spielen würde. Ich wusste nicht so recht, was das sollte, gab es vorerst doch keinen Anlass dafür.

Doch irgendwann war es soweit, in einer warmen Augustnacht im Jahr 2009 landete ich in Tbilisi. Das Land schlug mich sofort in seinen Bann – und diese Faszination dauert bis heute an.

Georgien, das ist Orient und Europa in einem; alte, reiche Geschichte sowie quirliger Aufbruch zugleich, postsowjetischer Geist und die Negierung desselben miteinander. Hier kann man in subtropischen Klima am Meer baden oder im hohen Kaukasus auf über 5000 m eine wilde und ursprüngliche Natur erleben, die es so in Westeuropa gar nicht mehr gibt, und wer glaubt die georgische Sprache habe nur entfernt etwas mit dem Russischen gemeinsam, wird schnell merken, dass dies absolut nicht der Fall ist.

Von Anfang an aber faszinierte mich vor allem, wie tief die Kultur von Musik und Tanz im Alltagsleben verwurzelt ist. Gerade die Musik ist allgegenwärtig, und dies auf hohem Niveau. In den Kirchen ertönen wundersame Choräle in einer ganz eigenständigen Polyphonie. Natürlich fällt einem Orlando di Lasso ein, doch die Klänge hier sind eigentümlich anders – aber wer weiß, vielleicht hatte er eine georgische Grossmutter.

Auch im täglichen Leben ist Musik allgegenwärtig – es scheint, dass hier niemand ohne ein natürliches Talent für Gesang geboren wird. Im Familienkreis, bei Festen, bei Hochzeiten – bei jeder nur denkbaren Gelegenheit stimmen die Georgien ihre Lieder an, natürlich immer mehrstimmig – und mit Überzeugung vorgetragen.

So tauchten bei mir die Fragen auf, die dann zu einem Langzeitprojekt geführt haben: Woher kommt dieser kulturelle Reichtum? Wie entsteht er – und wie wird er weitergegeben?

Diese Fragen haben mich nicht mehr losgelassen, und so wurde daraus ein Langzeitprojekt in Reportage-Fotografie. Diese Bilder werden nun anlässlich des Kulturfestivals Georgische Woche Freiburg erstmals gezeigt.

Die Antwort liegt in den jungen Musikern, welche ich getroffen habe und welche ich seit 2012 mit der Kamera begleite. Es sind junge Künstler, die sich bedingungslos ihrer Kunst verschrieben haben und sie mit einer Ernsthaftigkeit und mit einer Ausdauer verfolgen, welche ich hierzulande noch selten gesehen habe.

Nicht weniger spannend sind die Lehrer der jungen Musiker. Auch hier wiederum die gleiche bedingungslose Hingabe. Oft findet der Unterricht statt, auch wenn gerade Sonntag ist oder die Schule eigentlich wegen der Ferien geschlossen ist. Auch sonstige widrige Umstände, an denen nun wirklich kein Mangel ist, sind kein Grund, den Unterricht ausfallen zu lassen. Im Zentrum steht einzig der Gedanke, die jungen Musiker auf ihrem Weg weiter zu bringen.

Besonders beeindruckt hat mich ein Unterrichtsstil, den ich bei vielen Lehrern beobachtet habe, diese faszinierende Mischung von strengem Ernst und liebevollem Umgang zugleich. Nur dies zu sehen, hat mich vieles gelehrt über die Musik – auch wenn ich Vieles des Gesagten aufgrund meiner geringen Sprachkenntnis nicht verstanden habe.

Und ja – die Liebe! Es gibt kein georgisches Mahl, wo nicht vielfach auf die Liebe getrunken wird, wo sie zum Gegenstand der inbrünstigsten Trinksprüche wird. Wenn es einen Ort gibt auf dieser Welt, wo die Liebe in ganz vielfältiger Form zu finden ist, dann ist dies in Georgien. Wie ich selber sie dort gefunden habe – das ist eine andere Geschichte, die ich Ihnen gerne persönlich erzähle.

Christoph Schumacher

 

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