Georgische Woche: Brief 4

Georgien 2017

Bild: Fee Sachs

Als ich mich im Herbst 2016 auf den Weg nach Georgien machte, hatte ich keinerlei Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. In der Schlange vor dem Check-In am Flughafen hörte ich womöglich zum ersten Mal in meinem Leben jemanden Georgisch sprechen. Ich fand es aufregend, weil es in meinen Ohren keiner anderen Sprache glich. Als ich in Kutaissi, der drittgrößten Stadt Georgiens, ankam war es mitten in der Nacht und ich verspürte in mir die typische Unruhe, die ein Mensch in der Fremde oftmals in sich entdeckt, denn wirklich alles war anders. Oder? Die Autos auf der Straße sind die, die bei uns in Deutschland schon lange nicht mehr durch den TÜV gekommen sind und tragen sogar oft noch die Aufschrift eines deutschen Handwerksunternehmens. Und so bretterte auch in der abgelegensten Ecke einer unbekannten Stadt hin und wieder ein alter Lieferwagen mit der Aufschrift „Heiz- und Sanitäranlagen Müller“ an mir vorbei – es ließ mich schmunzeln. Dennoch: der Staub der Stadt setzte mir zu und die Hitze des Spätsommers schien mich zu erdrücken. Meine Freundin und ich fuhren in den Norden, um das Land von einer anderen Seite zu betrachten.

Die Fahrt im alten, voll beladenen VW-Bus führte raus aus dem Trubel der Stadt, durch Vororte und Dörfer, bis weit hinauf in den Norden des Kaukasus, nach Swanetien. Was in den nächsten Tagen auf einer Wanderung passierte, kann man eigentlich nur auf eine Weise ausdrücken: ich habe mich verliebt! Schwer bepackt mit unseren Rucksäcken liefen wir durch Wälder und reißende Flüsse, über Kuhwiesen und Schotterwege, viele mühsame Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Und es machten sich Ehrfurcht und Dankbarkeit in uns breit. Der Herbst hatte die Blätter an den Bäumen in intensives Gelb, Rot und Orange getaucht; eine naturgeschaffene Farbenpracht, die für das menschliche Auge kaum begreifbar ist. Weit in der Ferne waren stets steile, schneebedeckte Felswände zu sehen und davor ein beeindruckender Gletscher. Man selbst setzt einen Fuß vor den anderen und bewegt sich langsam. Man wird sich seiner Kleinheit bewusst.
Abends fielen wir ins Zelt oder kamen in kleinen Bergdörfern bei Familien unter. Eine Gastfreundschaft, die nicht in Worte zu fassen ist – aber man kann sie schmecken, wenn man gemeinsam beim Abendessen sitzt und die köstlichsten, einfachsten Gerichte genießt.
Bei einem späteren Aufenthalt auf einem Weingut nördlich von Tbilisi wurden uns von Ucha, einem jungen Georgier, die Regeln des Tisches nahegebracht. Abendelang saßen wir beisammen und haben über Freundschaft, Schicksal, Geschichte, Träume, Liebe, Krieg und Frieden diskutiert und mit frisch abgefülltem Wein auf das Leben angestoßen. Denn in Georgien, der „Wiege des Weins“, fällt dem Anstoßen eine solche Bedeutung zu, dass man seinem Gegenüber am Ende eines Abends, mindestens einmal tief in die Seele sehen konnte.
In Georgien wurden mir Herz und Seele mit Gastfreundschaft, Liebe und einem strahlenden Lächeln gefüllt – und das ganz unerwartet.

Fee

 

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