SO VIEL SCHAUSPIEL WAR SELTEN! 

 

 

Schauspiel & Performance 21/22

Über zwanzig Produktionen bieten ein außergewöhnlich breites ästhetisches und inhaltliches Spektrum von Klassikern wie Goethes FAUST I + II oder Tschechows PLATONOW über brandneue Stücke von Yasmina Reza, Dennis Kelly und Simon Stephens bis hin zu zeitgenössischen Interpretationen antiker Stoffe wie ORPHEUS UND EURYDIKE (in einer tänzerisch-musikalischen Interpretation der isländischen Choreografin Erna Ómarsdóttir) und MEDEA als moderner Psychothriller. Der „Weltempfänger“ Theater Freiburg ist wieder auf Sendung!Ein inhaltlicher Schwerpunkt liegt in der Beschäftigung mit alten und aktuellen rechtsextremen Gefahren: Dirk Laucke begibt sich in seinem neuesten Stück HANNIBAL. EIN KIND UNSERER ZEIT auf die Spuren rechter Netzwerke in deutschen Elitetruppen, während DER TRAFIKANT nach dem Bestseller von Robert Seethaler den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland 1938 und seine Folgen schildert. Stef Lernous widmet sich Wolfgang Borcherts Antikriegsklassiker DRAUSSEN VOR DER TÜR. Weitere gesellschaftliche Themen stehen auf dem Programm: Amir Reza Koohestani konfrontiert in seiner Überschreibung DIE SEUCHE Albert Camus’ Schilderung einer Epidemie mit unseren Corona-Erfahrungen, während der syrische Regisseur Omar Abusaada und der Autor Mohammad Al Attar in DAMASKUS 2045 einen Rückblick aus der Zukunft auf den syrischen Bürgerkrieg werfen. Jessica Glauses Adaption von Mithu M. Sanyals aktuellem Roman IDENTITTI beschreibt mit scharfem Humor und Verstand Dogmen und Wirren der Identitätspolitik. Ergänzt wird diese Vielfalt zudem von Live Art-Projekten mit explizitem Freiburg-Bezug wie LISPLE ... HIMMEL DER BEGEISTERUNG von und mit Hans Peter Litscher oder DIE TRAUMFABRIK, in der das Performance-Kollektiv geheimagentur Träume der Freiburger Bevölkerung sammelt und auf die große Leinwand bringt. Und es gibt ein Wiedersehen mit der Seniorentheatergruppe die methusalems. Unsere Produktivität liegt natürlich auch an dem siebenmonatigen Lockdown von November 2020 bis Mai 2021. In dieser Zeit haben wir immer auf eine baldige Öffnung gehofft und ständig weiter produziert. Wir wollen keine dieser Produktionen aufgeben: zum einen aus Solidarität mit den fast immer freiberuflich tätigen Regieteams. Zum anderen aber auch, weil weder in diese Produktionen geflossene künstlerische Fantasien noch öffentliche Mittel verschwendet werden sollen. Das musikalische Schwarzwaldmärchen DAS KALTE HERZ wurde im Herbst 2020 zumindest einmal öffentlich gespielt werden; andere Produktionen wie HEDDA GABLER konnten bislang gar nicht live vor Publikum aufgeführt werden. Am 13. März 2020 erlebten wir am ersten Tag des ersten Lockdowns die allererste „Geisterpremiere“, bei der Ewelina Marciniaks Interpretation von Shakespeares DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG nur vor leerem Haus gespielt werden konnte. Kein Publikum hat diese Aufführung der zwischenzeitlich mit dem Deutschen Theaterpreis Faust ausgezeichneten Regisseurin bislang sehen können. Das soll nun im Juli 2022 – über zwei Jahre später! – zum Ende dieser intensiven Spielzeit 2021/2022 nachgeholt werden.


Rüdiger Bering
Chefdramaturg