DAS MAXIMALE MUSIK-THEATER-LEBEN!

 

Musiktheater 21/22

Vielgesichtige Solisten-Ensembles, große Chorformationen, brechend voller Orchestergraben – derart gestalten sich unsere musik-drama-tischen Sehnsüchte. Unter der Maßgabe der Abstände haben sich während der letzten Monate die unterschiedlichsten kleineren Formate spannend und innovativ ihren Weg gebahnt – künstlerische Erfahrungen, die wir nicht missen wollen und von denen wir mit DIDO UND AENEAS und MR. EMMET TAKES A WALK gleich zwei Wiederaufnahmen mit in die Spielzeit 21/22 hinübernehmen – und doch drängt sie zurück auf die Bühne, und das mit Macht: die große Oper. Wir geben diesem Drängen gerne nach, denn eines kann uns unmöglich gelingen: die szenische-musikalische Kraft der Werke weiterhin zu bändigen. Und also gibt es große Titel, aussagekräftig, künstlerisch wie inhaltlich – dazu die pure Emotion. Die Spielzeit steht zudem unter dem Zeichen des Abschieds von Fabrice Bollon. Es ist seine letzte als Generalmusikdirektor des Theater Freiburg, in der er noch einmal eine große Uraufführung präsentiert: THE FOLLY heißt seine neue Oper über Erasmus von Rotterdam, der sich in einer tobenden Welt auf einen philosophischen Standpunkt zurückzieht. Fabrice Bollon stellt mit seiner zweiten Musiktheater-Uraufführung die brandaktuelle Frage, wann die Unparteilichkeit ihre Berechtigung verliert. Auch die Saison-Eröffnung DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN wird in einer Orchesterfassung gespielt, die Bollon ausgehend von Janáceks Original erstellt hat. Es ist ein Werk über die Erdenschwere der menschlichen Existenz, der Janácek eine musikalisch leuchtende und lebensbejahende Tierwelt gegenüberstellt. Die Füchsin ist das pure Leben. Der Förster jagt ihr hinterher – und muss dabei die Welt neu verstehen lernen. Peter Carp widmet sich mit Jules Massenets MANON einem Musiktheaterwerk, dem bis in die letzten Noten die Sehnsucht nach freier Gestaltung eingeschrieben ist. Manon will. Sie könnte auch – doch man schnürt ihr die Luft ab. Über der atemraubenden Oper Massenets schwebt immer auch eine verlorengegangene Zeit – eine Zeit, in der man so viel hätte leben können. Keine Oper haben wir so oft angekündigt wie MADAMA BUTTERFLY – und sie wird kommen, die Oper über die erbarmungslose Geschichte der jungen Frau Schmetterling, die in einen Warteraum eingepfercht ihren Illusionen hinterhertrauert. Dass dieser Warteraum mit der besten Opernmusik seiner Zeit beschallt wird, verdanken wir Giacomo Puccini, der eine Oper über das Phänomen geschrieben hat, das wir heute als Ghosting bezeichnen. „Senza amore“ – ohne Liebe ist Giuseppe Verdis Politthriller MACBETH, denn Lord und Lady sind ganz zerfressen von dem Gedanken, endlich an der Schaltzentrale der Macht zu sitzen. Ihr Weg ist blutig, „senza amore“ und „senza umanità“ – ohne Menschlichkeit. Für die Leerstelle steht der Chor der gepeinigten Flüchtigen, mit dem Verdi das Flehen darum in Töne setzt und vorführt, wo sie am Platze wäre. Und auch unseren leichtlebigen Tom Rakewell, der mit dem Teufel paktiert, um das Maximum aus dem Leben herauszupressen, haben wir nicht vergessen! Strawinskys großspuriger RAKE’S PROGRESS wird zum Ende der lebensprallen Spielzeit herauskommen. Für Tom wird es zu viel Leben gewesen sein: Er endet in der geschlossenen Anstalt, wattiert und verdummt von der Vergnügungsindustrie. Für alle anderen kann es gar nicht genug Musiktheater-Erleben gegeben haben.

Die Vorfreude könnte nicht größer sein!

Heiko Voss
Leitender Dramaturg Musiktheater